¡No pasarán!
Schluss mit der Ver­dre­hung der Ge­schich­te — Na­zi­ge­den­ken in Dres­den ver­hin­dern

Die Pro­tes­te gegen das dies­jäh­ri­ge Ge­den­ken von Fa­schis­ten und Fa­schis­tin­nen am 13. und 14. Fe­bru­ar in Dres­den, an­läss­lich des Jah­res­tags der al­li­ier­ten Bom­bar­die­rung der Stadt vor 64 Jah­ren, ste­hen unter einem be­son­de­ren Zei­chen, dem Zei­chen einer groß an­ge­leg­ten an­ti­fa­schis­ti­schen Ak­ti­on. Das an­ti­fa­schis­ti­sche Bünd­nis „¡No pasarán!“, an dem neben der In­ter­ven­tio­nis­ti­schen Lin­ken un­zäh­li­ge linke Grup­pen und In­itia­ti­ven aus der ge­sam­ten Bun­des­re­pu­blik be­tei­ligt sind, hat das klare Ziel, die Na­zi­auf­mär­sche in die­sem Jahr zu ver­hin­dern und für die Zu­kunft das Ge­den­ken die­ser re­ak­tio­nä­ren Kräf­te aus Dres­den zu ver­ban­nen.

Ge­schich­te

Die Bom­bar­die­run­gen der Stadt Dres­den in meh­re­ren An­griffs­wel­len er­reich­ten in der Nacht vom 13. auf den 14. Fe­bru­ar 1945 ihr größ­tes Aus­maß, als Bom­ber der bri­ti­schen „Royal Air Force“ weite Teile der Stadt in Schutt und Asche leg­ten. His­to­ri­ke­rIn­nen gehen davon aus, dass bei den Luft­an­grif­fen auf Dres­den am 13. und 14. Fe­bru­ar 1945 bis zu 25.​000 Men­schen ihr Leben lie­ßen. Das zum da­ma­li­gen Zeit­punkt noch flei­ßi­ge Pro­pa­gan­da­mi­nis­te­ri­um von Go­eb­bels sprach von ei­ni­gen hun­dert­tau­send toten Men­schen.

Dass diese schlag­kräf­ti­ge Ant­wort der Al­li­ier­ten auf einen deut­schen Ver­nich­tungs­krieg, der Jahre lang Angst, Schre­cken, Fol­ter und Mas­sen­mord über Eu­ro­pa ge­bracht hatte, in solch einer um­fas­sen­den Form er­folg­te, das be­stimmt die Dis­kus­si­ons­stand­punk­te um Dres­den.

Be­reits in den An­fän­gen der Bun­des­re­pu­blik nutz­ten fa­schis­ti­sche und re­van­chis­ti­sche Kräf­te die Zer­stö­rung, um ein deut­sches Op­fer­bild zu zeich­nen. Gleich­zei­tig re­la­ti­vier­ten sie die Kriegs­schuld Deutsch­lands, was sich zu­sam­men schnell fest­setz­te in der west­deut­schen Ge­sell­schaft, die, so muss man fest­stel­len, nur eine „Light-​Va­ri­an­te“ der Ent­na­zi­fi­zie­rung ge­nie­ßen durf­te.

Aber auch im an­de­ren Deutsch­land, der so­zia­lis­ti­schen DDR, war die Deu­tung der Er­eig­nis­se um Dres­den strit­tig, ob­wohl dort ein po­si­ti­ver Bezug zum An­ti­fa­schis­mus an­ge­strebt wurde. Vor allem die Par­tei­füh­rung ent­blöß­te dabei einen Hang zur Ver­schwö­rungs­theo­rie, wenn sie den West-​Al­li­ier­ten un­ter­stell­te, dass diese die ost­deut­schen Städ­te be­son­ders gründ­lich bom­bar­diert habe, um der So­wjet­macht nur Schutt und Lei­chen zum Auf­bau übrig zu las­sen. Gar­niert wur­den diese Ge­schich­ten noch mit weit nach oben kor­ri­gier­ten Op­fer­zah­len.

Nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung, dem An­schluss der DDR an die BRD, er­reich­te der Re­vi­sio­nis­mus dann neue Höhen. Im Kanon san­gen die brau­nen und schwar­zen Vögel ge­mein­sam, nun auch in der Bei­tritts­zo­ne, das Lied vom deut­schen Op­fer­my­thos. Diese re­ak­tio­nä­ren Krei­se er­kann­ten die Zeit und for­der­ten laut­hals die Le­gi­ti­ma­ti­on zur Trau­er um die „ei­ge­nen Opfer“. Der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus sei be­wäl­tigt und es müsse doch end­lich ein Schluss­strich unter die Ver­gan­gen­heit der Jahre 1933-​45 ge­zo­gen wer­den. Es wurde ver­sucht, jeg­li­chen his­to­ri­schen Kon­text zu ver­wi­schen mit der Ver­dre­hung oder zu­min­dest der Aus­blen­dung von Ur­sa­che und Wir­kung.

Die Nazis kom­men zu­rück

1998 und 1999 fin­gen dann re­gio­na­le Nazis an, sich unter die Trau­er­gäs­te beim jähr­li­chen Ge­den­ken an der Ruine der Dres­dner Frau­en­kir­che zu mi­schen und Krän­ze nie­der­zu­le­gen. Da­ge­gen gab es kei­nen Wi­der­stand, was den Geist von gro­ßen Tei­len der Trau­er­fei­er­lich­kei­ten er­ken­nen ließ.

Be­flü­gelt von die­sen Sym­pa­thi­en aus Tei­len der Dres­dner Be­völ­ke­rung or­ga­ni­sier­te im Jahre 2000 die da­ma­li­ge „Junge Lands­mann­schaft Ost­preu­ßen (JLO)“ erst­mals einen ei­ge­nen so ge­nann­ten „Trau­er­marsch“ in der Lan­des­haupt­stadt unter dem Motto „Ehre den Op­fern des Bom­ben­ter­rors“. An dem nächt­li­chen Auf­zug nah­men etwa 500 junge und alte Nazis teil. Dies kann wohl als die In­iti­al­zün­dung für eines der we­ni­gen ver­blie­be­nen, heute aber be­deu­tends­te re­gel­mä­ßi­ge Na­zi-​Gro­ßevent in der BRD ge­se­hen wer­den.

In den dar­auf fol­gen­den Jah­ren wuchs die Teil­neh­me­rIn­nen­zahl des Na­zi­ge­den­kens be­stän­dig an und er­reich­te am 13. Fe­bru­ar 2005, dem 60. Jah­res­tag der Bom­bar­die­rung, mit schät­zungs­wei­se 6.​500 Fa­schis­tIn­nen aus ganz Deutsch­land und Eu­ro­pa einen er­schre­cken­den Hö­he­punkt. Seit dem Jahr 2006 gibt es gar zwei Auf­mär­sche in der Stadt. Wäh­rend große Teile der Or­ga­ni­sa­to­rIn­nen zu dem Schluss kamen, mehr Teil­neh­me­rIn­nen zu mo­bi­li­sie­ren, wenn der Auf­marsch am Sams­tag nach dem 13. Fe­bru­ar statt­fin­det, ver­folg­ten eher re­gio­na­le Kräf­te die Linie der Tra­di­ti­on und ver­an­stal­ten seit­dem ihren ei­ge­nen Auf­zug unter der Woche.

Der so ge­nann­te „Trau­er­marsch“ hat die Funk­ti­on der Ver­net­zung, Ideo­lo­gie­bil­dung und Fes­ti­gung einer neo­na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Iden­ti­tät. Mit sei­nem po­si­ti­ven Bezug auf den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus stärkt er die Nazis nach innen und soll strö­mungs­über­grei­fen­de Ei­nig­keit als Macht­de­mons­tra­ti­on nach außen trans­por­tie­ren.

An­ti­fa­schis­ti­sche Ak­ti­on 2009 – No pasarán!

In die­sem Jahr fin­den die Auf­mär­sche am Frei­tag, den 13. Fe­bru­ar, und am Sams­tag, den 14. Fe­bru­ar statt. Das Haupt­au­gen­merk liegt bei den dies­jäh­ri­gen über­re­gio­na­len Ge­gen­ak­ti­vi­tä­ten auf dem Groß­auf­marsch am Sams­tag.

Wäh­rend das bun­des­wei­te an­ti­fa­schis­ti­sche Bünd­nis „¡no pasarán!“ Zu­stän­de wie bei der Ver­hin­de­rung des ras­sis­ti­schen „An­ti­is­lam-​Kon­gres­ses“ in Köln im Sep­tem­ber 2008 an­strebt, ruft das große bür­ger­li­che Bünd­nis „GEH DEN­KEN“, an dem neben fort­schritt­li­chen Or­ga­ni­sa­tio­nen auch eine Viel­zahl an Pro­mi­nenz aus Po­li­tik und Kul­tur mit­wirkt, zu­min­dest dazu auf, die Fa­schis­tIn­nen „fried­lich und ent­schlos­sen in Dres­den zu stop­pen“.

Die lo­ka­le An­ti­fa „Ven­ce­re­mos“ be­treibt eine wei­te­re Kam­pa­gne unter dem Motto „Keine Ver­söh­nung mit Deutsch­land!!“ und ver­an­stal­tet am Abend des 13. Fe­bru­ar eine Kund­ge­bung und ein Kon­zert mit Ego­tro­nic. Am 14. Fe­bru­ar, im Zeit­rah­men der an­ti­fa­schis­ti­schen Bünd­nis­de­mons­tra­ti­on, hält sie um 12 Uhr eine wei­te­re Kund­ge­bung „gegen Na­zi­auf­mär­sche und Ge­den­ken“ ab.

Das an­ti­fa­schis­ti­sche Bünd­nis „¡no pasarán!“ ruft zu einer ent­schlos­se­nen, kampf­be­ton­ten, an­ti­fa­schis­ti­schen Groß­de­mons­tra­ti­on auf. Die Auf­takt­kund­ge­bung ist um 11 Uhr am Haupt­bahn­hof Dres­den. Im An­schluss liegt es nur noch an der Stär­ke und am Wil­len der an­ti­fa­schis­ti­schen Kräf­te, den jun­gen und alten Nazis ein Durch­kom­men un­mög­lich zu ma­chen. Mit der Mo­bi­li­sie­rung gegen den Na­zi­auf­marsch ver­bun­den ist auch ein An­spruch auf Deu­tungs­ho­heit von Sei­ten der Lin­ken hin­ein in die Mitte der Ge­sell­schaft, der sich gegen jeden Re­vi­sio­nis­mus, jede Re­la­ti­vie­rung der deut­schen Kriegs­schuld und jede Be­stre­bung, einen „Schluss­strich“ unter die Ge­schich­te zu zie­hen, rich­tet. Es fin­det er­gän­zend auch ein öf­fent­li­cher Shab­bat-​Got­tes­dienst der Jü­di­schen Ge­mein­de an der Dres­dner Syn­ago­ge und zum Ab­schluss der an­ti­fa­schis­ti­schen Ak­tio­nen ein gro­ßes Open-​Air-​Kon­zert auf dem Schloss­platz statt.

Auf nach Dres­den!
Kein Fuß­breit den Fa­schis­tIn­nen!
¡No pasarán!